Jens Koch

Die Ausgrabungen am Schloßberg

Abgesehen von Überlieferungen im Stil der berühmten Eulensage, sowie dürftigen bildlichen Darstellungen, war wenig über die mehrfach umgebauten 1810 endgültig abgerissene Peiner Burg bekannt. Die auf eine Gründung des späteren Reichstruchseß Graf Gunzelin von Wolfenbüttel (um 1170 – 1254) zurückgehende Stadt Peine liegt auf einer von drei Seiten mit Sumpfland umgebenen, erhöhten Landzunge, an deren Spitze sich in strategisch günstigster Lage die einstige Burg befand, die sich in den Schriftquellen bis in das frühe 12.Jahrhundert zurückverfolgen läßt. Ein komplexen Verteidigungsgürtel aus Wällen und Gräben umschloß die der Topographie angepaßte Stadtanlage.

In den knapp zwei Jahrhunderten seit der Schleifung der Burg erfuhr der sogenannte Schloßberg regelmäßig moderne Ein- und Aufbauten. Anläßlich eines Stadtgründungsjubiliums war bereits in den 70er Jahren eine hochgelegene Kasematte im Burgwall notdürftig aufgemauert worden. Weitere, noch vorhandene originale Relikte der Burganlage schlummerten wie in einem Dornröschenschlaf im sogenannten Amtmann-Ziegler-Garten. Dieses Areal am historischen Aufgang von der Altstadt zum Schloß soll jetzt umgestaltet werden. Da die verwilderte Gartenanlage aber auch wichtige historische Mauerreste überlagerte, initiierte der Ratsbeschluß eine archäologische Grabung, die im Sommer 1998 zu umfangreichen Erdbewegungen am Fuße der Festung führte.

Beim vorsichtigen Befreien von Schutt und Erde zeigte sich die sorgfältig gearbeitete Sichtmauer. Die aus vielen präzise gearbeiteten Segmenten bestehende Mauer gehört zu der uni 1660 aufwendig erneuerten Burganlage mit hakenförmigen Eckbastionen. Die freigelegte Steinfassade offenbarte, daß man zahlreiche Steinmetzen vor Ort hatte. Die einzelnen Segmente sind mit den verschiedensten individuellen Zeichen dieser Handwerker gekennzeichnet. Schlichte, gradlinige Zeichen, Kreuzformen oder hausmarkenähnliche Symbole wechseln von Quader zu Quader.

Mit fortschreitenden Baggerarbeiten tauchte schließlich auch unter der Straße “Am Amthof” der erste von zwei steinernen Brückenbögen auf. Die in späterer Zeit untermauerten Bögen standen ursprünglich nahezu frei, von der eigentlichen Burg getrennt durch eine hölzerne Zugbrücke. Der Eulingsche Weinkeller, Teil der historischen Burganlage, diente mit seinen Schießscharten einst zur Kontrolle der strategischen Schwachpunkte Brücke und Graben.

Die Gründungen von Brücke und Festungsmauer bestehen ans großformatigen Schwellbalken, die auf eingerammten Spitzpfählen ruhen. Durch Grundwasserabsenkung ist die hölzerne Schwellung völlig verrottet, was umgehende statische Sicherungsniaßnahmen in Form von modernen Betonunterfangungen erforderlich machte. Der Burggraben floß in einer Breite uni 10 – 15 m durch den späteren Amtmann-Ziegler-Garten, auf dessen Rasenplatz sich noch heute sein verlauf deutlich abzeichnet. Beim Anlegen eines Suchschnittes wurden zwei Grabenufer unterschiedlicher Zeitstellung festgestellt. Etwa 2 in vor dem am weitesten vorragenden Mauersockel fand sich eine primitive Uferböschung, die mit armdicken Spitzpfählen gefaßt war. Nur einen knappen halben Meter davor verläuft eine weitere, weitaus aufwendigere Uferbefestigung, die ohne Zweifel zu der uni 1660 ausgeführten Anlage gehört. Hier waren zum Teil in fachwerkartiger Technik große Vierkantpfähle eingerammt, die mit Bohlen hinterlegt bzw. verbunden waren. Bei der Neuanlage der Burg hatte man den vorhandenen mittelalterlichen Burggraben nahezu vollständig ausgehoben. Alle Gräben wurden “Upgegraven undt upgeruniet” und mit einem Schiff fuhr man den Sand aus dem Stadtgraben. Ein weit in den neuzeitlichen Burggraben gegrabener Suchschnitt ergab dann auch kaum nennenswerte Funde, sondern nur einiges, erstaunlich gut erhaltenes Holzgeschirr neben zumeist polychrom bemalten Keramikscherben und Ofenkachelresten mit Glasur.

Durch gezielte Suche konnte auch die älteste Uferbefestigung des Burggrabens erfaßt werden. In einem etwa einen Meter breiten Streifen unterhalb der Ufereinfassung von 1660 folgte eine Kulturschicht, die geradezu überquoll von verschiedenen Hinterlassenschaften aus dem mittelalterlichen Burgbetrieb.

Die Burg war in Kriegszeiten für die Peiner Bevölkerung letzte Zuflucht und Hoffnung, wenn feindliche Heerscharen die Vorstadt geplündert, die Tore eingerannt und in den Stadtkern eingedrungen waren. Man nahm bewegliche Habe und die Barschaft mit auf den erhöhten, stark befestigten Burgberg, überließ sein Heim den herannahenden Gegnern oder setzte es selbst in Brand. Die Feinde verschanzten sich in den Ruinen und näherten sich der Burg bis in den Bereich des heutigen Marktplatzes. Von dort aus unternehmen sie ihre Vorstöße auf das sogenannte “Eulennest”. Ihnen gegenüber lagen hinter Palisade, Wall und Graben die Belagerten, die auf die bisweilen trickreichen Versuche der Angreifer, die Burg zu stürmen, mit ebenso großem Einfallsreichtum reagierten.

Schwierigstes Hindernis für die Angreifer war der breite Burggraben, in dem man unmöglich mit schwerem Gerät oder Rüstung agieren konnte. Also versuchte man das Wasser abzuleiten oder ihn mit Stroh und Weidenbündeln zu füllen. Reste davon fanden sich reichlich im Uferbereich des mittelalterlichen Grabens. Auch Laufgräben wurden ausgehoben, in denen man vor der von der Brustwehr zurückfeuernden Burgbesatzung geschätzt war. Als man sich bei der Belagerung 1522 fast Auge in Auge gegenüberstand, schleuderte die Besatzung Dachziegel der Burggebäude auf alle Angreifer, die sich näherten. Diese feuerten ihrerseits aus Zielbüchsen auf jeden, der sich auf der Brustwehr zeigte. Es ist möglich, daß ein im Grabenufer gefundenes Bleigeschoß im Zusammenhang mit dieser Belagerung steht. Sicher sind jedoch eine schwere Steinkugel und ein geplatztes Hohlgeschoß aus Gußeisen 12,elikte der Stiftsfehde. Sie wurden am Grabenufer vor der Sockelmauer in situ gefunden. Am Mauerwerk abgeprallt waren beide Kugeln direkt nebeneinander im schlammigen Ufer versunken. Bei der Freilegung verströmte der Inhalt der geplatzten Brandbombe einen Geruch von Öl und Schwefel. Ihre “brandgefährliche” Füllung war mit Holzspänen durchsetzt. Offenbar hatte sie ihr Ziel (Dachstuhl?) nicht erreicht und lediglich die Burgmauer lädiert. Über den Beschuß und Fall des mächtigen Turmes “Güntzel” gibt es anschauliche Schilderungen. Etwa 300 Kanonenkugeln aus 16 schweren Geschützen feuerten die Braunschweiger auf ihn ab, ehe er fiel, aber nicht wie vom Angreifer erhofft in den Graben, sondern in den Burghof, wohin ihn die Besatzung (mindestens 800 Landsknechte) mit Ketten und Seilen zog.

Zwischen dem hochgelegenen Gewölbe der kleinen Kasematte und dem Aufgang zum heutigen Amtsgericht wurden ebenfalls Wildwuchs und Schutt beseitigt. Dabei konnten die Grundmauern eines kleinen, rechteckigen Gebäudes freigelegt werden. Der Gebäuderest liegt unmittelbar an der ehemaligen Zugbrücke. Es handelt sich um die Reste des Torwachenhauses. Im Umfeld gefundenes, gelbgrünliches Rautenglas, das einst von Bleiruten gefaßt war und die dazugehörigen Reste von gedrehten Windeisen zeigen, wie einst die Fenster der Wachstube aussahen.

Unerwartet aufwendig und zugleich voller Überraschungen gestaltete sich die Freilegung eines anschließenden Schachtsystems, das aus Natursteinquadern sorgfältig gemauert war. Da seine Funktion zunächst völlig unklar war, wurden Schutt und Sand per Hand herausgeholt. In fast 5 m Tiefe entschädigte der unerwartete Blick in einen verborgenen Gang, der annähernd zwei Jahrhunderte von niemandem mehr gesehen, geschweige denn betreten worden war (Abb. 4). Da der Tunnel in Richtung Außenmauer führte, begann in den folgenden Tagen die Suche nach dem verschütteten Austritt. Dieser fand sich schließlich unmittelbar über der Mauergründung in Form eines kleinen, einst wohl verdeckten Ausflusses. Offenbar sammelte man das Regen- und Schmelzwasser der Dachflächen der angrenzenden Burggebäude im tiefen Schacht und leitete es in den Burggraben.

Aus der Verfüllung des Schachtsystems konnten neben Scherben von Flaschen, Keramik und Tonpfeifen des späten 17. bis frühen 18. Jahrhunderts bemerkenswerte Einzelfunde geborgen werden. Mindestens fünf schlanke Hundeschädel und weitere Tierknochen wurden im Aushub beobachtet. Ein stark verrostetes Klappmesser mit verzierten Griffschalen aus Knochen war nutzlos geworden, nachdem die Spitze offenbar abgebrochen war. Letzteres gilt auch für einen doppelseitigen Knochenkamm, dem etliche Zinken fehlen. Grobe und feine Zahnung lassen einen Läusekamm vermuten, was auf hygienische Probleme unter der Burgbesatzung hindeutet. Als wahre Fundgrube entpuppte sich die schon erwähnte Verfüllung der sogenannten Torwachenstube am Brückenübergang.

Unzählige Fragmente von Salbentöpfen, Tonpfeifen, Wein- und Medizinflaschen aus Glas waren in einer etwa 30 cm starken Fundschicht deponiert.

Diese sind hinsichtlich der breit gestreuten Provenienz typisch für das einst in einem “Dreiländereck” gelegene Fuhsestädtchen Peine. Vergleichsfunde aus Braunschweiger Grabungen, bei denen spezifisch gekennzeichnete Landesprodukte wie eben Tonpfeifen, Bouteillen usw. erfaßt wurden, belegen die Praxis einer “vorschriftsmäßigen” Versorgung aus landeseigener Produktion dieser einst massenhaft gefertigten Konsumgüter. Mit dem Bergen dieser jüngsten Gebrauchsgüter von der Peiner Burg endete schließlich auch die vorläufige Spurensuche auf dem geschichtsträchtigen Fundplatz.

 

Der Burgpark

Geschichte von der Burg zur Stadt

In dem engen Schacht war es zu dieser Zeit bereits recht schummerig. Die hohen glatten Wände boten kaum Halt und bei jeder Bewegung stieß er gegen die roh behauenen Steine. Dann, urplötzlich gab der Schutt unter ihm nach und sein rechtes Bein sank ein Stück weit ein. Voller gespannter Erwartungen spähte er in das dunkle Loch, daß sich am Boden aufgetan hatte. Vorsichtig vortastend spürte er, daß die Öffnung sich seitlich offenbar zu einer Art Tunnel erweiterte …

Diese Szene ereignete sich nicht etwa im Tal der Könige sondern auf einem der bedeutendsten Burgplätze unserer Region, dem Schloßberg in Peine. Fast 200 Jahre nach Abtragung der letzten Schloßgebäude und unterschiedlicher Nutzung des Geländes legten die Mitarbeiter der ehrenamtlichen archäologischen Denkmalpflege 1998/1999 wichtige Teile der mächtigen Befestigungsanlage wieder frei. Restauriert und rekonstruiert sind diese nun im neu geschaffenen Burgpark der Öffentlichkeit zugänglich.

Die Peiner Altstadthalbinsel

Der Burgberg liegt an der Spitze einer etwa 400 Meter breiten und 800 Meter langen Landzunge aus eiszeitlichen Kiesen und Sanden. Diese Peiner Altstadthalbinsel besaß durch ausgedehnte Feuchtgebiete auf drei Seiten bereits einen natürlichen Schutz. Die einzige Schwachstelle dieses Verteidigungsringes mußte durch Graben und Wall geschützt werden (Wallstraße/Pulverturmwall).

Über die Entstehung, das Aussehen und den Erbauer der ersten Peiner Burg jedoch gibt es keine historisch gesicherten Belege. Die geographischen Gegebenheiten machen es aber wahrscheinlich, daß auf dem späteren Burgareal bereits früh eine befestigte Anlage gestanden hat. Sie wird die Aufgabe gehabt haben, den Handel auf der nahegelegenen Fuhsefurt zu schützen und zu kontrollieren. Die Lage der Befestigung auf einer trockenen Halbinsel inmitten sumpfigen Geländes war dafür ideal. Wie im Mittelalter zunächst üblich, dürfte die Befestigung aus einem wassergefüllten Graben, einer kreisförmigen Palisade und einem aus Holz gefertigten Turm sowie einigen Blockhäusern bestanden haben.

Der Burgberg selbst ist im Laufe der Jahrhunderte mehrfach aufgeschüttet und in seiner Form verändert worden. Erst aus dem 16. Jahrhundert liegt mit der Peiner Hochzeitsschüssel von 1534 die älteste Darstellung des Burgbereichs vor. Es handelt sich um eine Belagerungsszene aus der Hildesheimer Stiftsfehde (1519 – 1522). Zentrales Motiv ist ein nahezu runder Burgberg, der ringförmig von einem breiten Wassergraben umgeben ist. Über den Graben führte vermutlich im Bereich der Straße am Amthof eine hölzerne Zugbrücke, die von einer Vorburg (Am Amthof, etwa im Bereich der Weinhandlung Euling) gesichert wurde. Über das Aussehen der Gebäude der Vorburg lassen sich keine näheren Angaben machen.

Der Burgwall ist durch dicke Eichenpfähle gesichert, die im Uferbereich eine weitständige Palisade bilden und zusätzlich den Berg hinauflaufen. Etwa auf der Hälfte des Berges, im Bereich der Zugbrücke, sind einige Kasematten zu sehen, aus denen auf die Angreifer geschossen wird. Die Burggebäude sind umgeben von einem Ringwall, dessen Krone einen Laufgang und Palisaden aus Flechtzäunen trägt. Den Mittelpunkt des Gebäudekomplexes bildet ein achteckiger Turm (Bergfried), dessen Obergeschoß auf Konsolen ausgekragt ist und ein spitzes Zeltdach trägt. Südlich davon steht ein dickerer, gedrungener Turm mit quadratischem Grundriß. Die Türme sind durch niedrige Gebäude mit Zinnen verbunden. Nördlich des zentralen Turmes bzw. von diesem verdeckt schließt sich ein zweistöckiges Gebäude an, das aufgrund seiner Bauausführung (Zwerchhäuser, gotische Fenster, Schieferdeckung), als Hauptgebäude oder Pallas zu deuten ist.

Während der zweiten Belagerung Peines im Jahre 1521 wurde die Burg schwer beschädigt. Vor allem der „Grobe Günzel“ war von den Belagerern unter Feuer genommen worden. Die Braunschweiger hofften darauf, daß er in den Wassergraben stürzen und den Belagerern ein Überqueren des Grabens ermöglichen würde. Die Burgbesatzung sicherte den Turm mit schweren Ketten und ließ ihn schließlich in den Burghof stürzen.

Während der letzten beiden Belagerungen entstand wohl auch die heute noch in mehreren Versionen in der Peiner Bevölkerung kursierende Eulensage. Sie gab der Stadt ihren in ganz Niedersachsen bekannten Spitznamen „Eulennest“. Ein sichtbares Zeichen für die besondere Verbindung zwischen Eule und Burg ist der heute im Kestner-Museum befindliche Eulenpokal. Bis zum Ende der hildesheimischen Herrschaft im Jahre 1802 wurde er im Peiner Schloß aufbewahrt. Darüber hinaus zeigte der Bischof seine Dankbarkeit durch einen am Burgtor angebrachten Stein. Auf ihm war eine Eule abgebildet und darunter folgende lateinische Inschrift eingemeißelt:

”Noctua, Peinensis custos, defenderat olim/
Peinensis castri moenia, fama ut habet./
Ponimus hunc vigilem rursus Peinensis ad arcis/
ingressum. Hic noctis tempore bubo sedet./
Bubo oculis trucibus minatur et unguibus uncis,/
Ulula, tu vigiles! arx invicta manet.”

“Ein Kauz hatte einst als Peines Wächter verteidigt
die Mauern der Peiner Burg, wie die Geschichte geht.
Wir setzten diesen Wächter wieder an den Eingang
zur Burg. Hier sitzt zur Nachtzeit die Eule.
Die Eule droht mit trotzigen Augen und gebogenen Krallen.
Halt‘ Wache, Kauz! (So) bleibt die Burg unbesiegt.” (1)

Nach der Zerstörung in der Stiftsfehde verwendete man beim Wiederaufbau die Bausteine der eingestürzten Türme und errichtete einen sehr schlichten Neubau. Aus Geldmangel verzichteten die Hildesheimer auf die früher weithin sichtbaren Türme und Zinnen des Vorgängerbaues. Das neue Hauptgebäude war zweistöckig und besaß auf einem massivem Untergeschoß ein Fachwerkobergeschoß mit hohem Walmdach. Daran schloß sich im Nordosten ein von niedrigen Wirtschaftsgebäuden umschlossener runder/ovaler Hof mit einigen vorspringenden Wirtschaftsgebäuden. Die runde Form der Anlage orientierte sich an der zu der Zeit noch runden Form des mittelalterlichen Burgberges.

Der Zugang zur Burg war von zwei Seiten möglich, einmal vom Markt über eine Zugbrücke oder von der heutigen Katholischen Kirche aus auf den nordwestlichen Burgberg, wo sich auch das Torgebäude mit Zwinger befand. Wer von der Stadt aus über die Zugbrücke kam, mußte also außen fast um das gesamte Schloß herumgehen.

Im übrigen ist diese Nachfehdezeit von schweren Brandkatastrophen gekennzeichnet. So brannte am 15. Mai 1557 die gesamte Stadt nieder. Sowohl das mittelalterliche Rathaus als auch die auf der Hochzeitsschüssel sichtbare Jakobikirche auf dem Markt wurden ein Raub der Flammen. Lediglich das Burgareal, auf das sich die Besatzung während des Brandes geflüchtet hatte, blieb vom Feuer verschont.

Im Verlauf des Dreißigjährigen Krieges zogen wiederholt Truppenverbände der verschiedenen Kriegsparteien durch die Stadt. Die Schloßbesatzung wechselte ständig zwischen Kaiserlichen, Schweden und Braunschweigern hin und her. Für die Versorgung der unzähligen Söldner war die Stadt beziehungsweise ihre Bürgerschaft verantwortlich. Besonders schlimm waren die Einquartierungen. 1633 kam es sogar zu einer Belagerung von Stadt und Schloß durch braunschweigische Truppen. Nachdem die Braunschweiger einige Zeit die Stadtbefestigung beschossen hatten, gaben die Kaiserlichen die Stadt verloren und zogen sich auf das Schloß zurück. Anders als in den Belagerungen der Stiftsfehde gaben die Verteidiger diesmal das Schloß bereits nach drei Tagen, am 31. Juli 1633, auf und zogen sich in die Festung nach Wolfenbüttel zurück. Das Schloß erhielt nunmehr eine braunschweigische Garnison. Die Stadt aber, die den Truppen des Herzogs einige Zeit Widerstand geleistet hatte, mußte dafür ihre Wälle abtragen und den Graben zuschütten. Schutzlos waren sie von nun an jedem Angreifer ausgeliefert.

Bis zum Friedensschluß zwischen den norddeutschen Fürsten und dem Kaiser im Jahre 1642 änderte sich an der trostlosen Lage wenig. Erst danach besserte sich die wirtschaftliche Situation, da sich nun das Kampfgeschehen weiter nach Süden verlagerte.

Umbau des Schlosses und Einrichtung des Kapuzinerklosters

Mit den Friedensschlüssen von Münster und Osnabrück im Jahre 1648 wurde der Dreißigjährige Krieg offiziell beendet. Um seinem Fürstentum gegenüber den Welfenfürsten einen gewissen Schutz zu geben, entschloß sich der Fürstbischof von Hildesheim Peine als Festung auszubauen.

Im Frühjahr 1659 trafen die ersten angeworbenen Bauarbeiter ein. Am 26. Juli begannen sie mit den Aushebungsarbeiten. Das Baumaterial zum Ausbau der Festung wurde aus dem ganzen Stift herbeigeschafft.

1660 konnte der Grundstein zum eigentlichen Festungsbau gelegt werden. Einzelne in der Nähe der Schloßanlage stehende Wohnhäuser wurden auf Geheiß des Bischofs niedergerissen.

Der vormals runde Burgberg bekam nun einen nahezu quadratischen Grundriß mit hakenförmigen, im Uhrzeigersinn angeordneten Eckbastionen, die einige Meter höher waren als der Schloßhof. Der Graben wurde mit einer Breite von ca. 15 – 20 m angelegt.

Ein recht genaues Bild vom Aussehen dieser Anlage vermittelt uns der Grenzabriß zwischen den Ämtern Peine und Meinersen aus dem Jahre 1675. Dieser teilperspektivische Plan zeigt detailliert den das nördliche Stadtgebiet mit Schloß- und Marktbereich.

Das große Haupthaus des Schlosses diente den im Amte tätigen Beamten als Dienstwohnung. Daneben gab es eine Schreiberei, ein Waschhaus das „Graue Haus“, wahrscheinlich das 1816 abgebrochene Zeughaus), Stallungen, ein Pforthaus ein „Lusthaus im Garten“ sowie ein „Lusthaus auf dem Walle“. Komplettiert wurde die Anlage durch das alte Stockhaus des Grafen von Westphalen.

Eine weitere Quelle zur Rekonstruktion des Schloßberges sind die Pläne des Fürstlich Hildesheimischen Lieutenants Heinrich-Friedrich Deichmann aus dem späten 18. Jahrhundert. Die Pläne geben ein sehr exaktes Bild der frühneuzeitlichen Stadtanlage und des neugestalteten Schloßberges wieder. Im Gegensatz zur mittelalterlichen Anlage fehlt dem frühneuzeitlichen Schloß eine Vorburg zur Sicherung der Zugbrücke. Lediglich ein kleineres Gebäude am stadtseitigen Ufer (auf dem Grundstück Rosenthaler Str. 15) hat wohl die Funktion eines Tor- oder Brückenwärterhauses. Die Brücke über den Schloßgraben besteht mindestens zwei massiven Sandsteinbögen und einer beweglichen Zugbrücke, die vom Schloß aus bedient wurde. Am Ende der Brücke stand wiederum ein Torhaus.

Im Jahre 1661 war die innere Befestigungsanlage der Stadt fertiggestellt und die finanziellen Möglichkeiten erschöpft. Die ursprünglichen Pläne (Abb. ) kamen nicht mehr zur Ausführung. In den folgenden Jahren wurden nur noch verhältnismäßig bescheidene Bauten, nämlich das Zeughaus auf dem Schloß, der Pulverturm und das als Landesgefängnis gedachte Stockhaus errichtet. Bis 1663 waren die Bauten fertiggestellt. Auf Kosten der Stadt wurden an den Toren sowie auf dem Marktplatz Wachthäuser errichtet.

Den Abschluß der fürstlich-hildesheimischen Bautätigkeit in Peine bildete die Renovierung der 1612 erbauten katholischen Pfarrkirche ”Zu Ehren aller Engel” sowie der Neubau des heute noch stehenden Kapuzinerklosters im 18. Jahrhundert.

Verfall, letzte Nutzungsversuche und Abriß des Schlosses

Während des 18. Jahrhunderts gab es wenig bauliche Veränderungen bei den öffentlichen Gebäuden. Verschiedenen Nachrichten zeigen, daß sich die Bausubstanz wegen mangelhafter Erhaltungsarbeiten ständig verschlechterte. Als Beispiel für den schlechten Zustand des öffentlichen Eigentums seien nur die 1662 errichteten Wachthäuser genannt. Ende des 18. Jahrhunderts waren sie in so schlechtem Zustand, daß sie von den Soldaten nur noch unter Lebensgefahr betreten werden konnten. Auch das Schloß war zu dieser Zeit wohl schon sanierungsbedürftig. 1797 wurde wohl wegen Baufälligkeit als erstes das sogenannte Waschhaus abgerissen.

Die meisten Bauten waren noch vorhanden, als 1802, in engem Zusammenhang mit den Kriegen der absolutistischen Mächte Europas gegen das revolutionäre Frankreich, das Hochstift Hildesheim von Preußen annektiert wurde.

Noch im August 1802 rückten preußische Truppen in das Stift Hildesheim ein. Die Einnahme Peines erfolgte am 8. August von einem Hauptmann von Kronberg mit einer Kompanie Soldaten ohne Widerstand. Die fürstlich-hildesheimische Miliz wurde entwaffnet und in Hildesheim förmlich aus dem Dienstverhältnis entlassen. Man schaffte, soweit im Zeughaus noch vorhanden, Kanonen, Gewehre und Munition fort, oder bot dieses der Bevölkerung zum Kauf an.

Am 19. Dezember 1803 begannen die Abrißarbeiten auf dem Schloß. Den Anfang machten die Schloßmauern, die vom Domänenpächter und Oberamtmann Mertens für ein neues Gesindehaus in Hofschwicheldt verwandt wurden. Danach legte man die Scheunen und schließlich das Haupthaus selbst nieder. Letzteres wird jedoch nicht vor 1813 abgerissen worden sein.

Zwischenzeitlich versuchten Peiner Bürger, das brachliegende Schloßgelände wirtschaftlich zu nutzen. Im Jahre 1807 bat der Ratskellerwirt Gosewisch die preußischen Behörden, die leerstehenden Räume des Zeughauses zu pachten, um eine Essigfabrik einzurichten. Fast zur gleichen Zeit beantragte der Fabrikant Oekermann, das Schloßgelände für seine Zichorienfabrikation (Kaffeeersatz) nutzen zu dürfen.

1813 ließ der Domainen-Administrator Osthaus aus Hildesheim das Peiner Schloßgelände einschließlich der noch vorhandenen Bauten zum Verkauf anbieten. Laut den erhaltenen Archivalien erwarb das Gelände der Domänenpächter Mertens im Auftrag des französischen Generals Friedrich.

Auch nach der Übergabe gingen die Abbrucharbeiten am Schloß weiter. Der größte Teil der Bruchsteine, soweit sie nicht mehr anderweitig verwendbar waren, verwandte man auf Bitten des Grafen von Oberg zur Wegebesserung in Rosenthal und Schwicheldt. Die einstmals stolzen Mauern fanden so ihr trauriges Ende als Straßenschotter.

1816 erfolgte der Abriß des alten Zeughauses. Bei einem Sturm war am 16. Februar die ganze Nordseite des Gebäudes eingefallen. Daraufhin entschloß man sich, das baufällig gewordene Gebäude ganz abzureißen. Damit war von den Schloßgebäuden nichts mehr vorhanden. Lediglich der Burgbrunnen wurde noch von den Bewohnern der Dammgemeinde genutzt

Umbau zum Verwaltungszentrum

Nach dem Abriß der letzten Schloßgebäude gingen die hannoverschen Behörden daran, das verödete Schloßgelände zum Verwaltungsmittelpunkt auszubauen. Als erstes errichtete man 1818 das auf dem Platz des ehemaligen Zeughauses ein Amtslokal und Gefängnis. Nur zwei Jahre später wurde dem seit 1815 in Peine tätigen Amtsassessor Ziegler eine Dienstwohnung, das heutige Grundbuchamt, errichtet. Unmittelbar hinter seiner Dienstwohnung legte Ziegler einen Spazier- und Irrgarten an.

Noch etwas später baute man an der Stelle des heutigen Gefängnisses ein Stallgebäude für die Dienstpferde der königlichen Beamten. An der Stelle des heutigen Kreisgebäudes stand eine sogenannte Zinskornbodenscheune. Beide dürften wohl Fachwerkgebäude gewesen sein.

In den dreißiger Jahren wurde über den Schloßberg gegen den entschiedenen und langjährigen Widerstand der Dammbürger ein Weg zum Marktplatz gebaut. Auf diese Weise konnten die aus Hannover kommenden Reisenden direkt auf den Marktplatz gelangen ohne den Umweg durch die Dammgemeinde.

Das heutige Gelände des Amtmann-Ziegler-Gartens gehörte ursprünglich der katholischen Kirche. Sie hatte hier ein Armenhaus errichtet. Nach seiner Entlassung aus dem hannoverschen Staatsdienst im Jahre 1854 ließ die zweite Frau des Amtmannes, Elise Ziegler, geb. Brandes, die Scheune zu einem Wohnhaus umbauen. Dabei war aber von vornherein wegen der knappen Geldmittel an Baumaterial und Ausführung gespart worden. Schon nach kurzer Zeit zeigten sich erste Baumängel, die von der Familie zum Teil mit erheblichen Kosten beseitigt werden mußten. Als der letzte Enkel der Familie 1918 im ersten Weltkrieg fiel, wurde das Gebäude mehr und mehr vernachlässigt. So verfiel es im Laufe der Jahre, bis es 1971, im Besitz der Stadt Peine, abgerissen wurde.

Auf dem übrigen Schloßareal erfolgten erst in preußischer Zeit wieder Baumaßnahmen. So wurde 1868 die von Carl Haase aus Hannover entworfene neue katholische Kirche errichtet. In den achtziger Jahren brach man die alte Zinskornbodenscheune ab und erbaute das preußische Landratsamt. 1893 erwarb die Stadt Peine vom Fiskus den Schloßberg, die sogenannte Bastion. Es handelte sich dabei um eine etwa vier Meter hohe Erdaufschüttung, die nördliche Eckbastion der frühneuzeitlichen Schloßbefestigung. Davor befand sich der Rest der alten Grabenanlage, der sogenannte Heller. Ferner erwarb die Stadt den dahinter liegenden und vom Landrat genutzten sogenannten „Amtsgarten“. An dieser Stelle errichtete die Stadt das heute noch stehende Ratsgymnasium sowie die katholische Volksschule.

Bastion und Heller, die von den Bürgern der Stadt als Spazierweg genutzt wurden, ließ die Stadt gegen den Widerstand der Bezirks- und Provinzialregierung 1895 abtragen. Mit den Erdmassen der Bastion versuchte man den davor liegenden Heller wieder zuschütten. Das so gewonnene Gelände wurde als Straße (Burgstraße) ausgebaut.

Das 1818 erbaute Amtslokal und Gefangenenhaus wurde an den Landkreis verkauft. Dieser errichtete im Jahre 1900 hier das heute als „altes Kreishaus“ bezeichnete Gebäude.

Erst nach Ende des zweiten Weltkrieges kam es zu weiteren Baumaßnahmen des Landkreises. Die gewachsenen Aufgaben kommunaler Verwaltungen führten zu Platzproblemen. Deshalb beschloß der Landkreis 1952/53 den Neubau eines Kreishauses. Das alte preußische Landratsamt wurde abgetragen und an seiner Stelle ein Jahr später das heutige Kreistagsgebäude erbaut. Das „alte Kreishaus“ verkaufte der Kreis dagegen erneut an das Land.

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(1) – Bemerkenswert ist, dass der Text drei Synonyme für den Begriff „Eule“ verwendet:
NOCTUA (1) – (Nacht-)Eule, Kauz
BUBO (4, 5) – Uhu, Eule
ULULA (6) – Kauz, Eule; von diesem den Ruf der Eule nachahmenden lateinischen Wort leitet sich übrigens unsere „Eule“ ab.
-> freundlicher Hinweis von Herrn Giselher Stoll, Peine

Ralf Holländer & Heinrich Winkelmann